Tomáš Kajánek

Widmungen
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Migration und Stadtgeschichte sind in Berlin eng verwoben. Tomáš Kajáneks Videoarbeit beschäftigt sich anhand von historischen Filmausschnitten und Quellen mit der Geschichte böhmischer Glaubensflüchtlinge in Rixdorf seit dem 18. Jahrhundert. Bis in das 20. Jahrhundert erfreute sich Rixdorf einer großen Beliebtheit bei tschechischen Migrant*innen. Ausgehend von Quellenrecherchen im Archiv des Museums im böhmischen Dorf setzt sich der Videokünstler mit historischen Gründen von Migration, mit Fluchterlebnissen und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart auseinander.

Obwohl in Neukölln und Rixdorf aktuell massive Gentrifizierungsprozesse stattfinden, leben hier auch heute noch Nachfahren böhmischer Migrant*innen. Der Stadtraum mit zweigeschossigen Wohnhäusern, einer Schmiede und einer zentral gelegenen lutherischen Dorfkirche sowie einem Friedhof erinnert an ein böhmisches Dorf. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahm der Druck der Rekatholisierung in den böhmischen Ländern zu. Unter der Herrschaft der Habsburger wurden ab 1737 Protestant*innen aus Ostböhmen vertrieben. Für seine Arbeit Widmungen nutzt Kajánek gefundenes Filmmaterial, das Alltagsszenen von den 1930ern bis in die 1960er-Jahre in schwarz-weiß zeigt, um es mit Hilfe einer Tonspur und den dazugehörigen Untertiteln in veränderte Kontexte zu stellen.

Montiert sind Filmausschnitte aus privaten Archiven, die das tägliche Leben in Rixdorf eingefangen haben. Die Ausschnitte sind nicht chronologisch gereiht. Stattdessen stehen Motive und das Verhältnis zwischen den eingesprochenen historischen Quellen und den Filmbildern im Vordergrund. In der ersten Filmszene blickt eine Frau aus dem Fenster eines stark beschädigten Hauses. Damit ist das Verhältnis zwischen Zerstörung und Flucht angedeutet, ebenso wie das menschliche Bedürfnis nach einem Zuhause. Die Aufnahmen, die Menschen bei der Gartenarbeit zeigen und die Blütenpracht des eigenen Gartens in den Fokus setzen, wirken friedlich. Die detaillierte Darstellung der Zubereitung einer Brotzeit mit Wurst und Gurke sowie die Bilder fröhlicher Zusammenkünfte mit alkoholischen Getränken und Zigarren verweisen auf das kleine Glück im Alltag. Teil des dargestellten Heimatgefühls sind auch einige Aufnahmen, die das Zusammenleben mit Tieren zeigen: Katzen, Hasen, Hühner und Küken waren Teil des Rixdorfer Lebens, ein Lämmchen wird von einem Kind mit der Flasche gefüttert. Kinder lassen Maikäfer mal ängstlich, mal neugierig, mal belustigt über ihre Gesichter krabbeln. Heimeligkeit vermitteln auch die Aufnahmen von Kinderspielsachen: eine Puppenstube und ein Spielzug zeigen eine friedliche Welt im Kleinen. Die eingefangenen Szenen haben teilweise auch eine dunkle Seite, wie die familiäre Szene mit Kindern, Eltern, Großeltern und einem Familienmitglied in NS-Uniform in einem blühenden Vorgarten. Oder in den Bildern der von Bombardements im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häuser.

Das Voice Over besteht aus historischen Zeugnissen von Migrant*innen aus dem 18. Jahrhundert in tschechischer Originalsprache. Lediglich einige Basisinformationen aus den Quellen werden als Untertitel in Deutsch, Englisch und Polnisch eingeblendet. Damit evoziert die Videoarbeit das Gefühl, nicht alle Informationen mitzubekommen, sich nur mangelhaft einen Reim machen zu können und letztlich trotz der deutlichen Filmbilder und der vorhandenen Untertitel nicht alles verstehen zu können. Diese vermittelte Erfahrung knüpft an die Lebensrealität von Migrant*innen an, die sich in Situationen ohne Sprachkenntnisse orientieren müssen. Trotzdem lässt sich anhand der historischen Quellen erahnen, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein und keinen Ort zu haben, an dem man erwünscht ist. Denn bevor die Glaubensflüchtlinge in Rixdorf mit einer langfristigen Perspektive sesshaft werden konnten, wurden sie zwischen Sachsen, Polen und Preußen von Ort zu Ort geschoben, kontrolliert und immer wieder aufs Neue vertrieben. So mussten sie beispielswiese in Görlitz Auskünfte über ihre Religion, ihr Alter und ihr Handwerk geben und erklären, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Auch wenn hier zwischendurch von der Obrigkeit Übernachtungsmöglichkeiten angeboten wurden, dominiert insgesamt in den Berichten die Erfahrung, nicht willkommen zu sein. Die Videoarbeit kontrastiert die schriftlichen Zeugnissen von Flucht und Vertreibung mit Filmbildern, die die Heimeligkeit eines friedlichen Alltags zeigen. Derart wird im zutiefst Menschlichen die Unmenschlichkeit von Flucht und Vertreibung präzise erfahrbar.



Text: Dr. Silke Förschler



Tomáš Kajánek

Kajánek studierte in Prag an der Universität für Chemie und Technologie und an der Akademie der bildenden Künste. Er arbeitet hauptsächlich mit den Medien des bewegten Bildes und der Fotografie. Während seiner Arbeit mit vorgefundenem Filmmaterial aus verschiedenen Quellen (er untersucht riesige Archive von Internetdiskussionen und nutzergenerierten Inhalten) erforscht er die Spannung zwischen Ethik und Ästhetik. Kajánek hat seine Arbeiten in internationalen Kollektiv- und Einzelausstellungen präsentiert, unter anderem in der Nationalgalerie in Prag oder auf der Wiener Biennale in Österreich.

Instagram https://www.instagram.com/tomas.kajanek