Marc Samper Videoinstallation

Marc Samper

„Die hängenden Gärten oder Die Virtualität der Ereignisse. Haiku auf dem Bildschirm“ (2020 / 2021)

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Die hängenden Gärten des Künstlers Marc Samper sind eine begehbare Videoinstallation, die aus unterschiedlichen filmischen Abspielgeräten besteht. Die Betrachtenden bahnen sich ihren Weg zwischen analogen Röhrenfernsehern, Handydisplays, VHS-Rekordern und Beamern, die Videofilme abspielen oder projizieren. Manche der kleineren Geräte hängen zusammen mit Tafeln und optischen Gegenständen, wie Spiegeln und Lupen, von der Decke. An den rahmenden Wänden sind Fotografien ausgestellt. Zu sehen sind auf den Bildschirmen und -tafeln Aufnahmen in der Natur, aber auch von Parks, Friedhöfen und urbanen Landschaften sowie von Personen. Samper hat die Bilder selbst während seiner Zeit in Berlin gefilmt, teilweise sind sie gefundenes Material. Einige Aufnahmen sind auf 16-mm-Film, andere auf VHS und viele sind digital gedreht. Während man auf diesem Bildschirm-Pfad zwischen historischen und zeitgenössischen Apparaten und ihren Bildern umherwandelt und sich darin verliert, hört man den meditativen Sound der einzelnen Filme, die Samper zusammen mit dem aus Barcelona stammenden Musikproduzenten HoBo ausschließlich mit analogen Synthesizern produziert hat und den Track „Requiem in D-Dur“, den die Theremin-Spielerin Dorit Chrysler zum Projekt beigetragen hat.

Marc Samper – „The hanging gardens or the virtuality of the events. Haiku on screen.“ (Die hängenden Gärten oder die Virtualität der Ereignisse. Haiku auf dem Bildschirm.) (2020/21) | Video: YES, AND… productions GmbH & Co. KG

Vielleicht ist es die Eigentümlichkeit des so erzeugten Gesamteindrucks, die den Künstler dazu motivierte, mit dem Titel seiner Arbeit an die mythenbehafteten ‚hängenden Gärten‘ Babylons zu erinnern. Erweckt wird der Eindruck eines Ortes, der seine eigenen Gesetze hat. Der meditative Charakter, der durch das Eintauchen in Sampers Garten entsteht, führt zu einer gewissen Ruhe, zu totaler Konzentration und zu einem Zustand, den man als tendenziell transzendental beschreiben könnte. In dieser Eigenschaft widerspricht die Installation gewollt der Lautstärke, der Schnelllebigkeit und dem Überfluss an Bildern der zeitgenössischen globalisierten Stadtkultur. Einige der zu sehenden Videos folgen im Aufbau dem Prinzip des Haiku. Das Haiku ist eine japanische Gedichtform, deren Tradition bis ins 17. Jahrhundert reicht und das mit (meist) drei Zeilen und 5-7-5 Silben als das kürzeste poetische Genre der Welt gilt. Wie schon andere Künstler vor Samper fasziniert auch ihn, wie die verwendeten (Sprach-)Bilder zusammen ein komplexes Gesamtbild genieren, das über die Bedeutung der einzelnen weit hinausgeht. Samper lehnt seine Videofilme an diese Form an, die in ihrer Kürze den im Internet favorisierten Formaten entsprechen und zugleich eine Unterbrechung bekannter Wahrnehmungsformen anstreben. Zu sehen sind außerdem Filme, die eine ca. zweiminütige Sequenz mit nur einer Einstellung zeigen. Weiterhin Videos, die mit Überlagerungen und Überblendungen experimentieren – teilweise auch mit verschiedenen Formaten und Transformationen. Die Bilder gehen ineinander über, die Motive diffundieren wechselseitig, manche verschwinden. Immer wieder tauchen – auch in seinen Fotografien – Elemente auf, die den Blick auf Landschaften oder Gebäude irritieren. Abgefilmte Spiegel führen zu schillernden Bildern, aber auch zu leeren Oberflächen. Die Reflektionen von Pflanzen auf Wasser wirken in der einen Fotografie wie aufgezeichnete Graphen und scheinen es in der nächsten wirklich zu sein.

Dabei geht es dem Künstler – selbstverständlich – um Bilder, aber nicht nur um die, die auf den Bildschirmen und Leinwänden erscheinen, sondern auch um die, die in den Köpfen der Betrachtenden entstehen. Bilder, die nicht greifbar sind, sondern flüchtig, die manchmal eher einer Atmosphäre ähneln und in den Strom der Gedanken eingehen. Dass man auch in Bildern denken kann, scheint bei dem Durchgang durch Sampers Garten ganz plausibel. Man möchte anhalten und all die Bilder ordentlich zusammensetzen, so, wie der Film an sich immer aus x Bildern pro Sekunde zusammengesetzt ist. Aber die visuellen Eindrücke bleiben hier fragmentarisch. Der Unterschied zwischen den Bildern in unseren Köpfen, dem Fluss von Bildern auf den Bildschirmen der verschiedenen Geräte und einer materiellen Welt verschwimmt. Und zugleich blitzt in den Brüchen und Leerstellen etwas auf, etwas das stört, aber dabei auch etwas eröffnet – einen Gedanken vielleicht, oder eine Reflexion. So setzt Marc Samper um, was der französische Philosoph Gilles Deleuze gefordert hatte: mit künstlerischen Mitteln neue Serien von Gedanken, Begriffen und Bildern zu kreieren, von denen aus unser Verhältnis zur Welt, zur Sprache und zum Sinn unterbrochen und neu formuliert werden kann.

Text: Kea Wienand



Weitere Videos von Marc Samper (Link in Bildunterschrift)


Über Marc Samper

Marc Samper (geb. 1980) ist Videofilmer, Videokünstler und Fotograf aus Barcelona. In 2015 und 2016 verbrachte er ein Jahr in Griechenland, um seinen ersten Spielfilm „Marathonas“ zu drehen.

Marc Samper hat einen Abschluss in Philosophie von der Universität Barcelona (UB), einen Master in „Filmwissenschaft und zeitgenössische audiovisuelle Kultur“ von der Universitat Pompeu Fabra (UPF) sowie weitere Studienkenntnisse in Psychologie und Filmproduktion.

Weitere Informationen über den Künstler: Website I Instagram


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