Ludivine Thomas-Andersson

Ludivine Thomas-Andersson

Displacing Territories


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Auf unterschiedlichen Wegen und mit Hilfe verschiedener Medien nähert sich Ludivine Thomas-Andersson dem Eindringen von Migrationserfahrungen in die Träume von Geflüchteten und Migrierten. Zu Beginn ihrer künstlerischen Auseinandersetzung stand die Beschäftigung mit Zugvögeln wie beispielsweise die Zwergdrossel und die Weißkehlammer, die während ihres Fluges in andere Regionen der Welt mit einem Auge schlafen können. Derart verlängern sie ihre Wachphasen und sind mobiler. Thomas-Andersson interviewte acht Künstler*innen mit Migrationserfahrung in Berlin über die Art ihrer Träume. Auf Klemmbrettern, die an einer Leiste montiert sind, werden die Interviewten mit Fotos vorgestellt, die Interviews mit ihnen können studiert werden. Die Interviewpartner*innen aus dem Iran, aus England, den Niederlanden, aus Indien, Rumänien, Venezuela und Argentinien sowie Brasilien berichten generell von einem tiefen Schlafbedürfnis, um Erfahrungen der Flucht und der Migration zu verarbeiten. Gleichzeitig berichten die Migrant*innen von Schlafmangel und Schlafstörungen.

Wichtig für die Erzählungen von Migrationserlebnissen sind auch Tagträume als Motor für Entscheidungen, um Berlin als neuen Lebensmittelpunkt zu wählen. Die Künstlerin destillierte wiederkehrende Motive aus den Interviews und schuf daraus eine fiktive Narration. Ihr Ziel ist es, ein neues Verständnis des Erlebten zu schaffen. Thomas-Anderson stellt heraus, dass die Träume gleichermaßen von Abhängigkeiten und Dominanzsystemen wie auch von Wünschen, Aufbruch, Mut und Stärke handeln. In einer kleinen Hütte, gebaut aus Birkenstämmen und Stoffen, können die Besucher*innen die komprimierten Traummotive anhören. Hierfür ist es notwendig, das Ohr tief in eines der Kissen mit Lautsprechern zu drücken, um den Stimmen lauschen zu können. Das 20-minütige Klangstück mit dem Titel „Schlaf, letzte Zuflucht“ läuft in Dauerschleife und ist zeitgleich, jedoch versetzt aus drei Kissen in der Holzhütte hörbar.

In den Traumschilderungen verweben sich das aktuelle und das alte Leben, einzelne Traumsequenzen wiederholen sich, bestimmte Orte und einzelne Begegnungen tauchen immer wieder aufs Neue in den Träumen der Migrierten auf. In der Intimität der Hütte und mit dem Kopf auf einem Kissen können die Besucher*innen die kaum zu unterschätzende Bedeutung von Rückzugs- und Schutzorten für einen ruhigen Schlaf mit friedlichen Träumen nachempfinden.

Aus den Beschreibungen von geträumten Orten der Interviewpartner*innen ließ Thomas-Andersson mit Hilfe künstlicher Intelligenz Bilder erstellen, die die Künstlerin wiederum in einem alten fotografischen Edeldruckverfahren mit blauen Farbtönen (Cyanotypie) umsetzt. Mit dieser Kombination zweier sehr unterschiedlicher Bildverfahren entsteht der Eindruck leicht entrückter Traumbilder. Ein Wasserfall, ein Waldweg sowie Ansichten eines Berges geben Kunde vom Unterwegssein, gleichzeitig vermitteln sie die Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung an menschenleeren Orten. Eine Fotografie mit dem Titel „Himmel“, die die Künstlerin bei der Arbeit an einem großformatigen Ölgemälde zeigt, unterstützt ebenfalls die traumhafte Atmosphäre im Ausstellungsraum. Anknüpfend an ihre Auseinandersetzung mit Zugvögeln malt Thomas-Andersson hier aus Vogelperspektive die Sicht auf Wolken und auf eine ländliche Landschaft, die aus Flüssen und Feldern besteht. Auch musische Klänge dürfen in der künstlerischen Bearbeitung der Verflechtungen von Migration und Traum nicht fehlen.

Hierfür transformierte Thomas-Andersson die Standorte von Seen auf einer Landkarte zu einer Lochkarte, die von den Besucher*innen mit Hilfe eines Componiums abgespielt werden können. Dieses mechanische Instrument aus dem 19. Jahrhundert setzt die Topographie der Seen in Bewegung und bringt sie zum Klingen. Im manuellen Drehen der kleinen Kurbel bewegt sich auch die Landkarte und führt eine Reisebewegung vor. Zwischen den verschiedenen medialen Zugängen entsteht ein traumartiges Gefüge, bestehend aus inneren Bildern, verdichteten Atmosphären und nicht vollständig rationalisierbaren Stimmungen. Das Anliegen der Künstlerin ist es, die Stärke und den Mut der Menschen zu zeigen, die nötig sind, um gegen viele Widerstände in eine ungewisse und mitunter nicht sehr willkommensfreudige Lebenswelt zu migrieren. Schlaf und Träume stehen in den Arbeiten von Thomas-Andersson als Sinnbilder für einen poetischen, jedoch auch politischen Zugang zu Migration. Denn in der Fragilität von Träumen zeigt sich das Schutzbedürfnis von migrierenden Menschen.

Thomas-Andersson transformed the location of lakes on a map  on to a punch card that visitors can play with the help of a componium. This mechanical instrument from the 19th century sets the topography of the lakes in motion and produces sounds. By manually turning the small crank, the map also moves and simulates the movement of a journey. A dream-like structure emerges between the different media accesses, consisting of inner images, condensed atmospheres and moods that cannot be fully rationalised.  The artist´s objective is to show the strength and courage that people require when migrating against many odds to an uncertain and sometimes not very welcoming living environment. In Thomas-Andersson´s artwork, sleep and dreams symbolise a poetic, but also political approach to migration. In the fragility of dreams, we can recognise the vulnerability and need for protective shelter of people who are forced to migrate.



Text: Dr. Silke Förschler



Ludivine Thomas-Andersson

Die 1986 geborene französische Künstlerin Ludivine Thomas-Andersson lebt und arbeitet in Lesjöfors in Schweden. Sie schloss 2012 ihren Master of Fine Arts an der Nationalen Kunsthochschule Paris-Cergy (E.N.S.A.P.C) ab und ist im Bereich der zeitgenössischen Kunst aktiv, insbesondere durch Ausstellungen in Frankreich, Schweden, Malta, Belgien und bald auch Deutschland. 2016 war sie Mitbegründerin des von Künstler*innen betriebenen Raums Tables.empty.workshop in Montargis (FRA) und ist seit 2017 Dozentin für Kunstgeschichte an der Kunstschule Örebro (SWE).

Instagram: https://www.instagram.com/ludivine.thomasandersson/

Website: www.ludivinethomas.com