Linda Söderholm

Greetings From Home


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Unsere Lebenswelt ist durch Zeichen strukturiert, auf deren Dechiffrierung wir angewiesen sind. Um uns zu orientieren, lesen, deuten und interpretieren wir im Alltag permanent. Diese Orientierungsmöglichkeit ist für Menschen, die eine andere Sprache sprechen oder mit anderen kulturellen Codes aufgewachsen sind, nicht immer vorhanden. Gleichzeitig können Schriftdesigns eine heimatliche Verbundenheit evozieren. Typografien tragen immer auch eine historische und kulturelle Bedeutung mit sich. Linda Söderholms partizipatorisch angelegte Arbeit verbindet Migrationserfahrungen mit Buchstaben, Typografie und kulturellen Praktiken. Die Installation basiert auf Gesprächen mit Neuberliner*innen aus Kroatien/Iran, aus den USA/Südkorea, aus Libyen, aus Russland sowie aus Ost/West-Berlin über das Gefühl von Heimat und Sprache.

Im Ausstellungsraum, der wie ein gemütliches Heim anmutet, finden sich Schriftzüge, die Kontexte eröffnen und mit den Erfahrungen, den Hoffnungen und Wünschen der Neuberliner*innen eng verwoben sind. Wohnlich ausgestattet ist der Raum mit in Berliner Straßen gefundenen Möbeln und mit Pflanzen. Inmitten dieser Gemütlichkeit finden sich typografische Installationen, die den einzelnen Gesprächspartner*innen zugeordnet sind. Für die vollzogenen Transformation der individuellen Migrationserfahrung in Typografie findet die Grafikdesignerin und Künstlerin Anregungen in historischen Schriftbüchern, in Beschriftungen im öffentlichen Raum und in Schriftdesigns aus aller Welt sowie im Berliner Buchstabenmuseum.

Im Zentrum steht ein gedeckter Esstisch. In der Mitte lädt ein Topf mit Buchstaben zum Zugreifen ein, die Worte aus lateinischen und arabischen Buchstaben auf den Tellern, wie ‚Zukunft’ und ‚Ausbildung’ stehen stellvertretend für die Aussagen von Osama & Rania und ihrer Familie. Für sie verbindet sich Heimat mit der Möglichkeit, zusammen an einem Tisch zu essen. In Nastias Bericht findet das Gefühl, zu Hause zu sein, eine Entsprechung in Handbesen, die an der Wand aufgereiht hängen. Die zurechtgeschnittenen Besen ergeben auf Russisch das Wort Heimat. Adrians Erfahrungen werden mit Schallplatten grafisch gefasst, die den Begriff ‚vibe’ bilden und in Verbindung mit dem illuminierten B als Charakterisierung Berlins verstanden werden können. Johns Chiffrierung erfolgt in einer zentral von der Decke hängenden Buchstaben-Skulptur koreanischer Schriftzeichen aus Styropor. Dagmars Schilderungen über ein Leben zwischen Ost- und West-Berlin werden durch eine Reihe in gold-braun eingefärbte Bücher dargestellt. Auf den Buchrücken ist in Frakturschrift der viele Assoziationen weckende Satz: ‚Ich bin Berliner’ zu lesen. Der Einsatz von Frakturschrift bezieht sich auf deren Gebrauch im öffentlichen Raum. So sind einige Schilder der Berliner S-Bahn in Fraktur. Die nationale Codierung von Frakturschrift findet sich unter anderem bei Goethe, der in ihrer Gestalt, vergleichbar dem gotischen Stil in der Architektur, eine „Offenbarung des deutschen Gemüts“ erkannte. Das Mural mit dem Titel „Viele Grüße von Zuhause“ ist von amerikanischen vintage-Postkarten aus den 30er, 40er und 50er Jahren inspiriert. Einer der bekanntesten Hersteller in dieser Zeit war der deutschstämmige Drucker Curt Teich, der 1895 in die USA auswanderte und die postalische Praxis, „Grüße aus der Region“ zu versenden aus dem deutschsprachigen Europa mitbrachte. Im Mural von Söderholm dominiert über der Berliner Skyline der räumlich gestaltete Schriftzug „Zuhause“. In den großflächigen Buchstaben befinden sich Gegenstände, entsprechend der dort gewöhnlich platzierten Sehenswürdigkeiten. Die abgebildeten Dinge wie Bücher, Schallplatte und Topfpflanze sind wiederum Teil der Installation und hier Stellvertreter für das Gefühl, zuhause zu sein. In der Umkehrung von Urlaubspostkarten zu Postkarten von Zuhause lenkt Söderholm das Augenmerk auf den Prozess und den Willensakt, sich eine neue Heimat zu erschaffen oder erschaffen zu müssen. Im Ganzen zeigt die Installation die Verflechtungen von Heimeligkeit und Zeichen, von Zuhause und Dingen.

Das Projekt wurde mit Hilfe der folgenden Personen realisiert. Vielen Dank an:

Nastia Eliseeva & Tarek Aly, Dagmar Kautz, Adrian Bijan Körbler, John Seung-Hwan Lee, Osama & Rania, Marta Bogdanska, Žiga Gerbec, Andreas Langfeld, Maria Pichel Llaquet, Friederike Macher, Hanna Salomaa & Timur Chulinin, Anna Piera da Silvestra, Claudia Spitzenberger, Ludivine Thomas-Andersson & Benny Andersson und Lennart Volbert.

Ein besonderer Dank geht auch an Barbara Dechant vom Buchstabenmuseum (buchstabenmuseum.de) und an den Plattenladen Riseikel (riseikel.de) sowie an all die äußerst hilfsbereiten Menschen der Nachbarschafts-Community nebenan.de

Text: Dr. Silke Förschler



Linda Söderholm

Linda „Superflinda“ Söderholm (Finnland/Slowenien) ist eine multidisziplinäre bildende Künstlerin, Grafikdesignerin, Typografin und Illustratorin. Sie hat u.a. einen Master of Arts in den Neuen Medien. In letzter Zeit verlagert sich Söderholms Arbeit mehr und mehr auf das Kunsthandwerk. So verwendet sie beispielsweise die Techniken der traditionellen Schildermalerei, um großformatige Wandbilder und typografische Installationen zu schaffen. Ihr Engagement in der Hip-Hop-Kultur (Breaking, DJing, Graffiti) ist in all ihren Arbeiten zu erkennen. Lindas Arbeiten wurden bereits in Europa sowie in Brasilien und China ausgestellt.

Instagram: https://www.instagram.com/superflinda/

Website: www.superflinda.fi