Bojan Stojčić

Bojan Stojčić

„Your visa got approved”, „Die deutsche Turnkunst“, „Silent Hymn“ und „Silent Presence“, alle 2020

Read this article in English

Als im Januar 2020 das Auswärtige Amt in Berlin meinte, auf Twitter einen Witz machen zu können, führte diese Mediennutzung einer staatlichen Stelle mal wieder zu einer Peinlichkeit. Mitarbeiter*innen der Behörde hatten sich animiert gefühlt, auf Twitter an dem Spiel „Seduce someone in four Words“ (Verführe jemanden mit vier Worten) teilzunehmen und twitterten „your visa got approved“ (Dein Visum wurde bewilligt). Die vier Worte führten zu zahlreichen Reaktionen: viele Menschen berichteten daraufhin von massiven Schwierigkeiten, über das besagte Amt eine Einreise- oder Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland zu erhalten. Die meisten der Erfahrungen waren alles andere als witzig. Das Auswärtige Amt erklärte daraufhin „Being funny is apparently not always our strong suit“ (Lustig zu sein, ist nicht gerade unsere Stärke) und signalisierte damit abermals eine Unbekümmertheit, mit der es die Möglichkeit der Einreise eröffnet oder verschließt. Der Künstler Bojan Stojčić aus Bosnien-Herzegowina hat die beiden Tweets der deutschen Bundesbehörde auf Leuchtkästen festgehalten und im Ausstellungsraum präsentiert. Dass er am Eröffnungsabend einen Blumenstrauß vor seine Arbeit legte, verstärkt die ungewollte Selbstentlarvung der getwitterten Sätze.

Auch in den anderen Projekten, die Bojan Stojčić während seines Fresh A.I.R.-Stipendiums der Stiftung Berliner Leben erstellt hat, macht er auf Grenzen und Politiken aufmerksam, die im städtischen Alltag oft unsichtbar, aber vorhanden sind und mit denen Zugehörigkeiten definiert sowie Zugänge verweigert werden. Sein Videoprojekt „Die deutsche Turnkunst“ nimmt dafür tradierte Körpertechniken in den Blick. Der Titel zitiert das legendäre Buch von Friedrich Ludwig Jahn aus dem Jahr 1816. Stojčić hat 88 Personen, die erst vor kurzem nach Berlin migriert sind, dabei gefilmt, wie sie eine Übung aus dieser historischen Publikation im Berliner Stadtraum ausführen. Auf zwölf Bildschirmen werden die Video-Performances in zufälliger Reihenfolge wiedergegeben. Zu sehen sind Personen, die auf öffentlichen Plätzen und Straßen hüpfen, Kniebeugen machen, sich dehnen, in Kampfhaltungen verharren usw. Unheimlich ist, dass viele der 200 Jahre alten Übungen noch heute bekannt sind und erst in der mehrfachen Wiederholung oder durch den Ort ihrer Ausübung lächerlich erscheinen. Irritierend ist auch, dass anstelle der vom sogenannten Turnvater entworfenen Geräte (Barren, Reck usw.) im Stadtraum schnell Alternativen gefunden werden konnten, wie Fahrradständer oder Absperrbalken. Erst wenn die Protagonisten mit Sperrmüll Jahns Übungen durchführen, kippt die Darstellung wieder ins Komische.

Beleben YouTube Blocker
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

CjxmaWd1cmUgY2xhc3M9IndwLWJsb2NrLWVtYmVkLXlvdXR1YmUgd3AtYmxvY2stZW1iZWQgaXMtdHlwZS12aWRlbyBpcy1wcm92aWRlci15b3V0dWJlIHdwLWVtYmVkLWFzcGVjdC0xNi05IHdwLWhhcy1hc3BlY3QtcmF0aW8iPjxkaXYgY2xhc3M9IndwLWJsb2NrLWVtYmVkX193cmFwcGVyIj4KPGlmcmFtZSB0aXRsZT0iRnJlc2ggQS5JLlIuICMzIC0gQm9qYW4gU3RvasSNacSHICZxdW90O0RpZSBkZXV0c2NoZSBUdXJua3Vuc3QmcXVvdDsiIHdpZHRoPSI4ODAiIGhlaWdodD0iNDk1IiBzcmM9Imh0dHBzOi8vd3d3LnlvdXR1YmUtbm9jb29raWUuY29tL2VtYmVkL2lOZ1I4NnQyM3FvP2ZlYXR1cmU9b2VtYmVkIiBmcmFtZWJvcmRlcj0iMCIgYWxsb3c9ImFjY2VsZXJvbWV0ZXI7IGF1dG9wbGF5OyBlbmNyeXB0ZWQtbWVkaWE7IGd5cm9zY29wZTsgcGljdHVyZS1pbi1waWN0dXJlIiBhbGxvd2Z1bGxzY3JlZW4+PC9pZnJhbWU+CjwvZGl2PjxmaWdjYXB0aW9uPkJvamFuIFN0b2rEjWnEhyDigJ5Zb3VyIHZpc2EgZ290IGFwcHJvdmVk4oCdLCDigJ5EaWUgZGV1dHNjaGUgVHVybmt1bnN04oCcLCDigJ5TaWxlbnQgSHltbuKAnCB1bmQg4oCeU2lsZW50IFByZXNlbmNl4oCcPC9maWdjYXB0aW9uPjwvZmlndXJlPgo=

Ironisch sind die gymnastischen Übungen aber vor allem dadurch, dass sie von Personen ausgeführt werden, die explizit nicht zu Jahns Zielgruppe gehörten: Frauen und all jene, die nicht als deutsch galten. Der heute meist nur noch als Turnvater bekannte Jahn war ein glühender Nationalist, dessen erklärtes Ziel die Stärkung und Ertüchtigung des deutschen Mannes war. Das Turnen diente in seiner Vorstellung nicht nur der Kultivierung des einzelnen stets männlich gedachten Deutschen, sondern auch der Schaffung eines nationalen Volkskörpers. Wenn Stojčić mit seinen Performer*innen die Übungen heute nachahmt, rüttelt er nicht nur an den Denkmälern, mit denen man Jahn in Deutschland immer noch huldigt (z.B. im Volkspark Hasenheide, Berlin). Vielmehr fragt er, ob das Turnen eine biopolitische Technik der Moderne war, die nicht nur den Körper männlicher Subjekte funktionstüchtig machen sollte, sondern auch eine innere Haltung schuf. Weiterhin wirft er die Frage auf, inwiefern die daraus resultierenden Körperbilder bis heute wirkmächtig sind. Und nicht ohne Schmunzeln stellt er zur Debatte, was eigentlich passiert, wenn Migrant*innen die eigentlich für Deutsche gedachten Übungen ausführen.

Auch mit „Silent Hymn“ verweist Stojčić auf eine Körpertechnik bzw. ein Ritual, mit dem die Nation aufgerufen wird. Die Arbeit besteht aus einem weißen Männerhemd, das auf einem Bügel im Ausstellungsraum hängt und auf dem der Umriss einer Hand in Höhe des Herzens zu erkennen ist, so, als wäre eine Person beim Singen der Nationalhymne mit schwarzer Farbe angesprüht worden. Aufgerufen werden Diskussionen, die sich auch heute noch entzünden, wenn beispielweise Fußballer dieses Ritual nicht entsprechend der Erwartungen ausführen, die Liedtexte unhörbar bleiben und patriotische Gefühle sowie nationale Zugehörigkeiten in Frage gestellt werden. Weiterhin erinnert es an Diskussionen über Liedtexte, die umstritten sind und – wie aktuell in Stojčićs Herkunftsland – keine parlamentarische Mehrheit finden, wodurch sie ungesungen bleiben.

 Um eine ganz andere Unhörbarkeit oder Stille geht es in „Silent Presence“. In einer dreiteiligen Fotoserie sehen wir zunächst Stojčić selbst auf dem Boden liegen, während jemand um ihn herum staubsaugt. Auf dem zweiten Bild sehen wir Hände den Boden schrubben und im Dritten, wie die Reinigungskraft, deren Gesicht weiter verborgen ist, den Raum verlässt, während die Silhouette des Künstlers sich im Teppich weiter abzeichnet: Nur seine stille Anwesenheit bleibt.

Text: Dr. Kea Wienand


Über Bojan Stojčić

Bojan Stojčić (Sarajevo, 1988) ist ein Künstler aus Bosnien und Herzegowina. Als Alumni der Akademie der bildenden Künste in Sarajevo wurde Stojčić zuletzt mit dem Collegium Artisticum Book Award für das selbstveröffentlichte künstlerische Projekt „No Trace Promises The Path“ ausgezeichnet.

Neben verschiedenen Kollektiv- und Einzelausstellungen, zuletzt in Grenoble (Frankreich) und Novi Sad (Serbien), ist Stojčić in mehreren europäischen Sammlungen vertreten, unter anderem in der agnès b. Stiftung und der Sammlung der Deutschen Telekom. Wenn er sich nicht in Berlin aufhällt, betreibt Stojčić sein Kunst- und Designstudio in Sarajevo.

Mehr Informationen über den Künstler:

Facebook / Instagram


Der Online-Showcase von Fresh A.I.R. #3

Fresh A.I.R. Showcase

Der Online-Showcase bietet die Möglichkeit, Einblick in die unterschiedlichen, in den verwendeten Medien und entworfenen Ästhetiken extrem vielfältigen Projekte der Künstler*innen des dritten Fresh A.I.R.-Jahrgangs zu nehmen. 

Zu sehen sind Video- und Bildmaterialien zu den einzelnen Projekten, denen jeweils ein erläuternder Text beigefügt ist, der die ästhetische Erfahrung zu vermitteln sucht.

zum Online-Showcase