Anastasia Starikova

Anastasia Starikova

„Collectables“, „Sondage“, „Skyper“, alle 2020

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Anastasia Starikova hat sich im Rahmen des Fresh A.I.R.-Stipendiums der Stiftung Berliner Leben mit der Praxis des Sammelns und mit dem Archiv als Ort, an dem Objekte und Informationen aufbewahrt werden, auseinandergesetzt. Dabei interessierte sie sich jedoch nicht für offizielle Einrichtungen, die ihre Gegenstände nach spezifischen Kriterien auswählen, konservieren und vermitteln (wie zum Beispiel Museen), sondern für das Zusammenstellen einer materiellen Welt rund um die eigene Person im privaten Bereich. Ihre Arbeiten lassen sich dementsprechend als experimentelle oder alternative Formen von Archiven bezeichnen, in die auch solche Dinge Eingang finden, deren Bedeutsamkeiten sehr individuell und persönlich sind und die als solche nur selten öffentlich präsentiert werden.

Für die Umsetzung ihres Projektes hat die Künstlerin Berliner*innen gebeten, ihr persönliche „Collectables“ (dt. Sammlerstücke) zur Verfügung zu stellen. Sie erhielt daraufhin Sachen, wie eine kleine Schneckenfigur aus Keramik, eine Schale aus Kristallglas, eine Auswahl ausländischer Geldscheine und vieles mehr. In der Ausstellung hat sie die Leihgaben auf Möbelstücken und vor einer Tapete drapiert. Aufgerufen wurde dadurch der Eindruck eines privaten Wohnraums, der nun in einen öffentlichen Ausstellungsraum überführt wurde. Die so präsentierte Sammlung stößt Überlegungen darüber an, was diese Objekte über ihre Besitzer*innen erzählen könnten. Welche persönlichen Erfahrungen und Geschichten mit ihnen verbunden sind sowie welche Werte ihnen beigemessen werden.

Gegenüber den Collectables wirken die Gegenstände, die Starikova in der Arbeit „Sondage“ zusammengetragen hat, eher banal. Unter dem Terminus der Archäologie, der stichprobenartige Ausgrabungen beschreibt, hat die Künstlerin Artikel zusammengestellt, die sie während ihres Aufenthalts in Berlin erstanden hat. In einem Kreis auf dem Boden arrangiert sind so der Karton eines Föns, zwei leere Weinflaschen, eine Dose Tomatenmark, ein Topf mit frischem Basilikum usw. Keine Sachen, die man in einem offiziellen und auch nicht in einem privaten Archiv erwarten würde. Gleichwohl fällt auf, dass diese Auswahl nicht nur individuell ist. Vermutlich wird sich schon so manche*r mit ähnlichen Produkten in einer temporären Unterkunft ein Zuhause geschaffen haben. Und so könnten Archäolog*innen, die einige Jahrhunderte später genau diese Stücke ausgraben oder in einem Archiv vorfinden, von ihnen auf einen spezifischen Lebensstil des beginnenden 21. Jahrhunderts schließen.

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Auch die Arbeit „Skyper“ lässt darüber nachdenken, was in einem alternativen Archiv aufgehoben werden könnte und was damit nicht nur über eine einzelne Person, sondern auch über die jeweilige Zeit vermittelt wird. Die drei großgezogenen Fotografien sind Screenshots, die Starikova während mehrerer Skype-Telefonate mit ihrer Großmutter produzierte. Auf den Aufnahmen zu sehen sind Details des Wohnraums der Großmutter, wie die Zimmerdecke oder der Fußboden. Als archivierte Bilder könnten sie davon erzählen, wie eine ältere Frau versucht, mit dieser neuen Technologie umzugehen, um mit ihrer Enkelin Kontakt zu halten. Sie könnten von der noch relativ neuen Möglichkeit berichten, geographisch weit entfernt und durch digitale Medien trotzdem per Bild verbunden zu sein. Vermutlich ließe sich aktuell ein ganzes Archiv mit solchen Schnappschüssen aus der ganzen Welt zusammentragen. Mit den dazugehörigen Geschichten würden sie eine Vielzahl an Erfahrungen überliefern.

Insgesamt verdeutlichen Anastasia Starikovas Arbeiten auch, wie einfach sich alternative Archive schaffen ließen, die demokratischer und diverser sein könnten, als viele der offiziellen Sammlungen, die der Nachwelt zuweilen ein relativ begrenztes Wissen hinterlassen.

Text: Dr. Kea Wienand


Über Anastasia Starikova

Anastasia Starikova wurde in Riga, Lettland, geboren. Sie arbeitet hauptsächlich mit Installationen, Fotografien und Texten, die mitunter in digitalen Performances zusammenfließen.

Ihre Arbeiten beruhen auf dem generellen Interesse an experimentellen Archivierungspraktiken und dem Drang, Dinge bzw. Objekte zu sammeln. Sie konzentriert sich in ihren Werken auf die Frage, wie Narrative um Objekte herum konstruiert werden können. Anastasia beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Wohnräumen, Folklore und bestehenden Archivierungs-praktiken im Verhältnis zu fiktiver, archivierter und in einigen Fällen digitaler Materie und wie diese zusammen Wissen hervorbringen können.

Weitere Informationen über die Künstlerin:

Instagram / Behance


Der Online-Showcase von Fresh A.I.R. #3

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Der Online-Showcase bietet die Möglichkeit, Einblick in die unterschiedlichen, in den verwendeten Medien und entworfenen Ästhetiken extrem vielfältigen Projekte der Künstler*innen des dritten Fresh A.I.R.-Jahrgangs zu nehmen. 

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