Talente beim Training

„Ich habe Ziele, habe Träume: Ich will ´was werden. Dafür trainiere ich hart.“

Stelhina (15) kam vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Albanien und sprach kein Wort Deutsch. „Bei uns gab´s damals kein Handy. Unsere Eltern meinten: Ihr müsst erst Deutsch lernen und Euch gut integrieren.“ Heute geht sie aufs Gymnasium in die 9. Klasse und boxt seit zwei Jahren bei Isigym Boxsport Berlin e. V. – überaus erfolgreich. „Boxen ist einfach mein Ding. Ich habe viele Sportarten ausprobiert – Turnen, Akrobatik – und ich war auch gut, aber es hat mir keinen richtigen Spaß gemacht. Als mein Bruder bei Isigym anfing, bin ich zwei Wochen später einfach mitgegangen und habe gleich die Boxhandschuhe angezogen.“ Cheftrainer Izzet Mafratoglu erkannte sofort ihr Ausnahmetalent. Schon nach drei Monaten hatte Stelhina ihren ersten Kampf, ein Vierteljahr später wurde sie Berliner Meisterin. Im Oktober 2017 wurde sie überlegen Deutsche Meisterin der Kadettinnen und als „Beste Kämpferin“ der Meisterschaften geehrt. Izzet Mafratoglu: „Wenn die Gegnerin im Ring antwortet, wird Stella noch besser und schaltet einen Gang höher. Technik, Augen, Taktik – alles stimmt.“ Stelhinas großes Ziel sind die Olympischen Spiele, seit 2012 dürfen Frauen um olympische Medaillen kämpfen. Auch ihr jüngerer Bruder Isuard (14) ist sehr trainingsfleißig und hat große Pläne: Sechs Kämpfe hat er hinter sich und die nächsten Meisterschaften fest im Blick.

Halbtags in der BVG: Der Tag der Geschwister ist straff organisiert

Wer Stelhina heute als offenen Teenager erlebt, kann sich ihren Rückblick auf frühere Jahre kaum vorstellen. „Damals war ich verschlossen, aber auch aggressiv. Ich habe mit Worten beleidigt.“ Heute lebt sie glücklicher – und das trotz eines Zeitplans, der enorm viel Disziplin verlangt. 5:50 Uhr: In Staaken klingelt der Wecker. „Das ist hart“, gibt Stelhina zu. Gemeinsam mit Isuard verlässt sie um 6:15 Uhr die elterliche Wohnung. Fast zwei Stunden brauchen beide für ihren Schulweg nach Hohenschönhausen zum Schul- und Leistungssportzentrum Berlin. Dort absolvieren sie neben dem Unterricht 18 bis 20 Trainingsstunden pro Woche. Zum Glück gibt es wenig zusätzliche Hausaufgaben. Stelhina betont: „Schule ist am wichtigsten!“, um dann gleich hinzuzufügen: „Aber eigentlich ist Boxen für mich wichtiger!“ Mindestens zwei Mal pro Woche ist zusätzlich bis 19 Uhr „Heimtraining“ im Isigym Boxsport Berlin e. V. in der Potsdamer Straße angesagt. Stelhina: „Hier hat man alle Möglichkeiten. Das Boxen ist anders, die Technik ist anders. Ich kann hier viel lernen.“ Ein langer Tag: Nach der Trainingseinheit in Schöneberg sind die Geschwister erst gegen 21 Uhr zu Hause. Trainer Izzet Mafratoglu ist überzeugt: „Viele andere Kinder hätten das längst abgebrochen.“ Hat Stelhina denn wenigstens am Wochenende frei? „Da muss ich auf meine kleine Schwester aufpassen oder lerne für die Schule. Aber sehr oft sind dann auch Wettkämpfe – und die brauche ich unbedingt, um Erfahrungen zu machen. Ich lerne durch jeden Kampf.“ Und einfach ´mal die Füße hochlegen? Sie lacht. „Kann ich grundsätzlich – Ich war ja mal Akrobatin.“

„Ich will immer die Beste sein. Dafür muss ich noch viel machen.“

Gegnerinnen für Stelhina gibt es weder in der Schule noch bei Isigym, sie tritt im Sparring gegen die Jungs an. Umso ungewohnter war ihr erster Kampf bei den Meisterschaften: „Als ich meine Gegnerin gesehen habe, musste ich erst wieder wie ein Mädchen fühlen.“ Seit sie Deutsche Meisterin ist, trauen sich allerdings viele Gegnerinnen nicht mehr, gegen sie anzutreten. „Izzet will, dass ich gegen Frauen boxe.“ Sie ist voller Bewunderung für den Isigym-Cheftrainer. „Er ist für mich wie ein Vater, war einfach immer an meiner Seite. Einen Trainer wie ihn gibt es nicht noch ´mal. Überhaupt gibt es bei Isigym keine Konflikte. Jeder redet mit jedem, jeder ist zu jedem nett. Die Hautfarbe spielt keine Rolle: Schwarz, gelb, rot – alles egal. Auch den Dicken gibt Izzet eine Chance, dass sie sich fit machen.“

Alle sind ´ne große Familie. Hier kann ich sein, wie ich will. Niemand wird gemobbt.“

Ali, 10 Jahre

Seit einiger Zeit übernimmt Stelhina bei Isigym sogar eigene Trainingseinheiten: „Es gibt viele Kinder hier und der Trainer kann nicht jedem alles erklären. Da gebe ich gerne mein Wissen weiter. Ich bin allerdings streng: Bei mir gibt´s keinen Quatsch – kein Wassertrinken, keine Toilette.“ Später beweist sich das: Wenn Stelhina die Stimme erhebt und „Zwei an einen Sandsack!“ fordert, dann spuren die Jungs. Zu Stelhinas Schützlingen gehören auch Ali (10) und sein Bruder Mohamad (8), ein weiteres Geschwisterpaar. Ihre Familie stammt aus Syrien. Ali: „Ich habe erst Karate gemacht. Aber dann hat mich mein Onkel mitgenommen, der hier boxt. Alle sind ´ne große Familie. Hier kann ich sein, wie ich will. Niemand wird gemobbt.“ Auch die beiden Brüder träumen von den Weltmeisterschaften, aber Ali hat gleichzeitig einen soliden Berufswunsch: „Ich werde Ingenieur. Das wollte ich schon immer.“