Kunst mit Geschichte

Kunst für Kinder erlebbar machen

„Da kommen ja alte Klamotten ´raus“, „Das sieht aus wie Stein“, „Ich finde es gruselig“, „Alt kann auch schön sein“, „Geil – und so groß und fremd“: Der Ersteindruck der Zweitklässler der HelmuthJames-von-Moltke Grundschule von Anselm Kiefers mehr als sechs Meter breitem Monumentalbild „Lilith am Roten Meer” (1990) im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin ist ganz unterschiedlich. Das schrundige, zerklüftete Werk aus Kreide, Emulsion, Asche, Leinen und Blei überwältigt bei der Betrachtung. „Welche Gefühle passen zu diesem Bild?“, fragt Kunstvermittlerin Julia Devies von den Staatlichen Museen zu Berlin die Kinder. Nach und nach tragen die Kinder ihre persönlichen Gedanken rund um das Werk zu einer Geschichte zusammen: „Traurig“, „Arme Menschen tragen diese Kleider, alle sind ganz schmutzig“, „Da ist Trauer, als wäre jemand tot“. In der Projektwoche „Deine eigene Geschichte“ entwickeln Grundschülerinnen und Grundschüler im April 2019 ihre ganz persönlichen Geschichten zu den ausgestellten Kunstwerken, die anschließend zu einem Ausstellungsbegleitheft für Kinder gestaltet werden.

Die Kinder malen ihre Geschichte zu den ausgestellten Kunstwerken.

Erst später erfahren die Kinder mehr über die sagenhafte Geschichte von Lilith, der ersten Frau Adams, die Anselm Kiefer inspirierte. Lilith floh aus dem Paradies und zog dadurch die Strafe Gottes auf sich, der jeden Tag 100 ihrer Kinder tötete. Amie (7) ist sehr betroffen: „Die armen Kinder, ich habe viel Mitleid. Ich hatte mir bei diesem Bild gleich gedacht, dass jemand gestorben ist.“ Jetzt malt sie ganz konzentriert das ganze Kunstwerk. Ihrem Klassenkameraden Patrizio (8) fällt das schwerer: „Ich kann das alles nicht so gut. Gestern wollte ich einen Staubsauger malen (gemeint ist Jeff Koons´ Staubsauger in einem beleuchteten Plexiglaskästen) und dann habe ich einen Elefanten draus gemacht. Aber ich finde es trotzdem toll hier!“ Arian (7) zeigt sein Kunstwerk – und erklärt: „Mein Bild kostet 1 Million. Denn man darf hier die Bilder nicht anfassen, weil die so teuer sind. Aber man kann auch nichts kaufen, alles gehört Sammlern.“ Erzieherin Hülya Ari begleitet die 2. Klasse während ihrer Workshopwoche. Ihr Fazit: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Kinder so interessiert und kreativ sind. 30 Prozent waren vorher noch nie in einem Museum. Wir haben schon gedacht: ‚Hoffentlich klappt´s, dass sich alle benehmen´, denn die Klasse ist mit 27 Schülern sehr groß. Doch alle Kinder haben immer einen roten Faden, was zu tun ist – und sind schon jetzt traurig, dass die Projektwoche zu Ende geht.“

„Wir haben Skulpturen im Schulhof entdeckt, die hatte bislang niemand richtig wahrgenommen – weder die Kinder noch die Erwachsenen. Kunst schärft eben den Blick auf die Welt.

Julia Devies, Kunstvermittlerin

Joseph Beuys´ „Das Kapital Raum 1970-1977“, die nächste Station, ist eine Rieseninstallation mit fünfzig vollgekrakelten Schiefertafeln wie früher in der Schule, zwei Filmprojektoren, einem Flügel, einer Axt, einer Zinkwanne und einer Emaille Schüssel mit Seife. „Was ist denn hier passiert?“, fragt Julia Devies die Kinder. „Schreibt doch mal zu zweit eine kleine Geschichte dazu!“ Ilayda (8) hat sofort eine Idee: „Hier wohnt ein Professor und der trägt auf jeden Fall einen Hut.“ Gemeinsam mit Maya (8) schreibt sie in Schönschrift los: „Es war einmal ein Professor, der etwas entwickeln wollte. Er hat seine Ideen auf Tafeln aufgemalt…“ Kunstvermittlerin Julia Devies lobt die Klasse: „Die Lehrer und Erzieher geben klare Regeln vor – und dazu einen kleinen Freiraum. Die Schüler haben einen guten Umgang untereinander, geben sich gegenseitig Feedback. Es gibt keinen Außenseiter.“ Auch der erste gemeinsame Projekttag in der Schule brachte einige Aha-Erlebnisse: „Wir haben Skulpturen im Schulhof entdeckt, die hatte bislang niemand richtig wahrgenommen – weder die Kinder noch die Erwachsenen. Kunst schärft eben den Blick auf die Welt.“

Aus den Skizzen, Textfragmenten und O-Tönen der Zweitklässler wird bis Juni 2019 ein spannendes Ausstellungsbegleitheft von Kindern für Kinder gestaltet, der dann für junge Museumsbesucherinnen und – besucher sowie ihre Eltern kostenfrei an der Kasse des Museums erhältlich ist. So können die von den Zweitklässlern entwickelten Ideen andere Kinder zu eigenen Entdeckungen und Geschichten über die Kunst anregen. In einer weiteren Projektwoche sammeln, fotografieren und zeichnen Schülerinnen und Schüler der Gustav-Meyer-Schule „Unentdeckte Ecken“ im Hamburger Bahnhof und in ihrer Lebensumgebung. Die Kinder haben unterschiedliche Formen der Behinderung. Aus ihren Arbeiten entsteht ein Kartenspiel mit Anregungen zur künstlerischen Erforschung von öffentlichen Räumen und Kunstwerken, das sich Schulklassen kostenlos ausleihen können. Zum Projektabschluss darf gefeiert werden: Am 18. Juni stellen die Schulklassen das Ausstellungsbegleitheft und das Kartenspiel der Öffentlichkeit vor