Erlebnis Graffiti

Persönlichkeiten stärken: Ferienkinder sehen, erleben und gestalten Graffiti

„Wollt ihr loslegen?“, fragt Künstler und Kursleiter Thomas Ecke. Das lassen sich die 15 Teilnehmenden des Herbstferienprogramms „GRAFFITI – Sprühen, Tapen, Stenciln“ nicht zweimal sagen. Zum Thema „Wave“ erobern sie begeistert die Sprühwand im Hinterhof der Neuköllner Neckarstraße. Noah (12) und Elisa (11) haben ihren Overall angezogen und die Schutzmaske angelegt. Sie sind schon zum zweiten Mal beim Ferienprogramm des KinderKulturMonats dabei. Noah: „Das Malen finde ich anstrengend, aber dafür ist das Sprayen cool.“ Elissa (11) geht es ähnlich: „Eigentlich kann ich gar nicht zeichnen. Aber beim Sprühen fühle ich mich ganz frei und kann meine Kreativität rauslassen. Ich freue mich über jedes Graffiti in der Stadt – und bin richtig erleichtert, dass es so viel gibt. Dann bin ich also nicht die einzige, die Street Art so mag.“ Was macht diesen Ferienkurs für sie so besonders? Elissa: „Alle haben sich gegenseitig geholfen. Obwohl außer Noah und mir niemand vorher Erfahrung mit Graffiti hatte, ist am Ende alles perfekt geworden.“

Exklusive Führung durch das URBAN NATION Museum im KinderKulturMonat.

Der KinderKulturMonat, das Kinderfestival rund um die Künste, findet auch im Oktober 2019 in 62 Berliner Kulturorten mit 130 Veranstaltungen begeisterten Zuspruch. Das kostenfreie Herbstferienprogramm „KinderKultur-Parcours“ ist ein zweiwöchiges kulturelles Bildungsangebot für Kinder von neun bis zwölf Jahren. Neben Graffiti gibt es Programme zu „ARCHITEKTUR – Deine Stadt!“, „VIDEO – Wenn die Klappe fällt“, „MUSIK – Beats für die Bühne!“ und „PERFORMANCE – Dances for Future“. Die Kids lernen nicht nur, wie Kunst und Kultur entstehen, sondern das, was sie sehen und erleben, auch selbst auszudrücken. Beim GraffitiKurs werden sie von zwei Profis angeleitet und einem pädagogischen Betreuer unterstützt. An der Sprühwand im Neckarhof sind sie am vorletzten Projekttag erneut künstlerisch aktiv – wie echte Street-Art-Künstler. Thomas Ecke erklärt den Kids: „Ein Verein stellt uns die Wand extra für dieses Projekt zur Verfügung, das ist ´ne große Chance. Nächstes Jahr wird der ganze Hof dann renoviert und neu gestrichen.“ Die Kids protestieren. Thomas Ecke: „Aber Ihr wisst doch, das ist ganz normal: Straßen-Graffiti verschwindet auch wieder.“

Kunst stärkt das Selbstwertgefühl

Den Tag an der Sprühwand haben die beiden Kursleiter gut vorbereitet. In der ersten Kurswoche lernten die Kids ihr Handwerk: Jeder durfte mit Hilfe einer zuvor angefertigten Skizze die ersten Sprayversuche starten und eine 70 x 90 cm große Holzplatte frei gestalten. Thomas Ecke: „Graffiti ist Codierung, zum Beispiel durch Buchstaben. Die Kommunikation läuft über Tags und Characters. Alle Kinder haben sich über Buchstaben ausgedrückt und ihre eigene Sprache entwickelt. Das eigene Logo stärkt ihr Selbstwertgefühl.“ Kardelen (10) hat auf ihrer Platte den ersten Buchstaben ihres Vor- und Familiennamens mit der halben Erdkugel und einem Feuermuster ergänzt, das ihr besonders gut gefällt. Sie freut sich auf die Präsentation ihrer Arbeit bei der großen Abschlussveranstaltung aller Ferienkurse. Als Auszeichnung wird allen Teilnehmenden das KinderKultur-Diplom verliehen. Kardelen: „Wir haben genug Zeit gehabt, unsere Platte ganz in Ruhe zu Ende zu machen, und ich bin stolz darauf.“ Auch die GraffitiEntdeckungsreisen im Stadtraum haben ihr gefallen. „Am besten war es im URBAN NATION Museum mit den vielen verschiedenen Arten von Graffiti. Im Museum gab´s eine Wand aus richtig viel Spraydosen, die war cool. Mir gefällt auch das Graffiti in meiner Straße in Neukölln, aber es nervt, dass sich dort alle gegenseitig übersprühen.“ An der Projektsprühwand im Neckarhof steht eine gute Gemeinschaft im Mittelpunkt: Jedes Kind findet einen eigenen Platz zum Sprühen, die Farben werden geteilt, man achtet auf die anderen und respektiert deren Arbeit.

Inzwischen tummeln sich bereits die Characters und Tags unter der Wellenlinie, die Thomas Ecke am Anfang auf die Wand vorgesprüht hat. Kardelen arbeitet konzentriert an einem bunten Schiff, Noah liebevoll an einer Qualle. Ein gelber Zweifüßler mit Herzaugen sabbert. Dazu gibt es Fische, Oktopusse und eine Riesenbiene, die über der Welle schwebt. Mit zusätzlichen Wasserpflanzen und einer Mittelwelle entsteht am Ende eine zusammenhängende Unterwasserwelt. Kursleiterin Barbara Antal: „Es ist toll, dass wir der Gruppe vertrauen können und alle so frei arbeiten. Die Kinder konnten heute das Gelernte direkt in dieses Projekt einbinden. Und das Beste: Jeder hat einen eigenen Stil gefunden.“