Gemeinsam sind wir stark!

Seniorinnen und Senioren unterstützen Viertklässler

Im Rahmen des generationenübergreifenden Förderprojekts „Abenteuer Oper!“ bringen Kreuzberger und Spandauer Grundschülerinnen und Grundschüler in einer 30-minütigen Aufführung Opernsequenzen auf die Schulbühne. Auch für die Klasse 4b der Kreuzberger OttoWels-Grundschule steht im Februar 2019 die deutsch-türkische Kinderoper „Die Bremer Stadtmusikanten“ auf dem Stundenplan. In einem einwöchigen Schulworkshop geht es um vier vertriebene Tiere, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und erfahren, wie viel stärker man als Gruppe sein kann. Begleitet wird jede Klasse von einem musik- und theaterpädagogischen Team der Komischen Oper Berlin und von Seniorinnen und Senioren aus dem Quartier. Edith Vollack und Emine Pekce gehören zur Kreuzberger Seniorengruppe, die die Viertklässler bei den Proben in der Schule und bei der Aufführung unterstützt.

Edith Vollack sieht man ihre 87 Jahre nicht an. Was hält sie jung? „Ich sitze nicht zu Hause und warte, dass mich jemand anruft. Seit 20 Jahren arbeite ich ehrenamtlich. Jede Woche packe ich meinen Einkaufswagen mit Material und dann bastle ich mit den Hortkindern der Otto-Wels-Grundschule, gestern zum Beispiel waren es Schmetterlinge aus Papier.“ Schülerinnen und Schüler der 2. bis 4. Klassen rennen schon im Schulgebäude auf sie zu: „Hallo, Frau Vollack!“. Einige umarmen sie. Edith Vollack: „Ich würde schon sagen, ich bin wie eine Ersatzoma. Die Kinder erzählen: ‚Meine Oma lebt nicht mehr’ oder ‚Meine Oma ist weit weg’. Wenn sie mich nach meinem Alter fragen, sind sie allerdings ganz erschrocken. Aber meine Urenkel sind ja auch schon fast Teenager.“ Edith Vollack bringt sich seit fünf Jahren mit viel Begeisterung beim Projekt „Abenteuer Oper!“ ein. „Kinder sollen nicht vor dem Fernseher sitzen, sondern wollen beschäftigt werden. Durch Kultur können sie eine Menge lernen. Mich hat damals meine Großmutter zu den Märchenaufführungen im Theater am Schiffbauerdamm mitgenommen. Und wenn meine Kinder im Theater waren, haben wir zu Hause oft tagelang darüber gesprochen. Kultur wirkt nach.“ Was macht für Edith Vollack die Projektwoche so besonders? „Das Projekt in der Schule wird mit wenig Aufwand sehr, sehr schön. Man sieht, wieviel Spaß die Kinder dabei haben. Und dass eine Aufführung nach so kurzer Zeit so gut gelingt, finde ich ganz bewundernswert.“

Zwei Teilnehmerinnen während der Probe.

Mit einer Trommel imitiert die Musikgruppe in den Probetagen den tolpatschigen Hund, der immer alles kaputt macht. „Hund“ Aleyna (10) spricht Emine Pekce (72) sofort an: „Sind Sie Türkin? – Ich auch!“ Emine kennt viele Schülerinnen und Schüler aus der Otto-Wels-Grundschule von den Bastelstunden. „Die Kinder sind immer froh, dass sie mit mir Türkisch sprechen können. Sie merken sich mein Gesicht und viele auch meinen Namen.“ Emine Pekce kennt Grimms Märchen aus der Schule in der Türkei und hat dort als Kind selbst regelmäßig Theater gespielt. „Der 23. April ist in der Türkei der ‚Tag des Kindes’. Den hat Atatürk damals eingeführt. Ich habe tolle Erinnerungen an diese Feiertage: Dann trug ich besondere Klamotten auf der Bühne – als Zwerg bei ‚Schneewittchen’ oder bei ‚Der gestiefelte Kater’. Theater ist einfach großartig für Kinder.“ In der Musikgruppe darf Emine Pekce die Probe aufs Exempel machen und dirigiert mutig das Kinderorchester der Tierstimmen. Um die Charaktere der Tiere mit Musikinstrumenten hervorzuheben, kommen Mundharmonika, Kazoo und Trommeln zum Einsatz – und auch ein „Streichpsalter“, mit dem sich wunderbare Momente der Stille erzeugen lassen. Edith Vollack probiert den Heuler aus – ein Plastikröhrchen, das wie ein gigantischer Zahnarztbohrer klingt. Musiktheaterpädagoge Tobias Daniel Reiser bringt Jung und Alt dazu, sich praktisch auszuprobieren: „Mir ist wichtig, dass alle Instrumente leicht zu spielen sind und dennoch einen Ausdruck erlauben. So kann man wunderbar Stimmungen erzeugen.“ Beim Singen kommen besondere Talente zum Vorschein. Tobias Daniel Reiser: „Das Katzenlied hat wirklich schwierige Intervalle, wir hatten dafür nur 30 Minuten zum Proben. Maryam hat das so gut gemacht, dass wir sie für den Kinderchor der Komischen Oper entdeckt haben.“

Mit der Aufführung der Profis in der Komischen Oper Berlin findet das Projekt am 2. April 2019 wie jedes Jahr einen ganz besonderen Abschluss mit den beteiligten Klassen, ihren Lehrern, den Eltern und Geschwistern sowie den Seniorinnen und Senioren. Was auf den Straßen und in den Parks von Berlin absolut normal ist, passiert auch auf der Opernbühne: Der Text wechselt fortwährend zwischen den zwei Sprachen Deutsch und Türkisch. Emine Pekce ist zweisprachig im Vorteil: „Ich habe sofort ‚çabuk’ verstanden, dass bedeutet schnell.“ Carsten Sabrowski, der den Esel spielt, wird beim Nachgespräch von den Viertklässlern ausgefragt: „Ja, auch mich kostet die Bühne Überwindung. Man muss seine Sache gut können – und dann freut man sich schon während des Stückes auf den Applaus.“ Bei der Frage „Sind Sie Türke?“ muss er schmunzeln: „Nein. Ich habe in diesem Stück das erste Mal Türkisch gesprochen. Aber auf der Bühne habe ich durch Eure vielen Reaktionen schon die ganze Zeit gedacht: ‚Wir haben den türkischen Text nicht umsonst gelernt´. Bei diesem Publikum kommt ´was zurück.’“