„Auch die kleinen Schritte bringen es!“

Im Gespräch mit Brunhilde Focke, Konrektorin an der Otto-Wels-Grundschule, im September 2018

N52° 30’ 10,4, E13° 24’ 15,1, Berlins geografische Mitte: Wer diesen Punkt aufsucht, landet direkt neben der Otto-Wels-Grundschule in der Kreuzberger Alexandrinenstraße. Dort begleitet Konrektorin Brunhilde Focke seit 2013 das generationenübergreifende Förderprojekt „Abenteuer Oper!“.

Nach einem einwöchigen Schulworkshop kommt eine Kinderoper in einer rund halbstündigen Aufführung auf die Schulbühne. Im März 2018 brachten Anne-Kathrin Ostrop, musiktheaterpädagogische Leiterin an der Komischen Oper Berlin, und ihr Team die Kinderoper „Schneewittchen und die 77 Zwerge“ mit, um mit den 22 Schülerinnen und Schülern und Kreuzberger Senioren ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam entdeckten sie die Themen des Stückes: Schönheit und Vergänglichkeit, Eifersucht und Neid – und nicht zuletzt die liebevolle Aufnahme eines anderen in die Gemeinschaft. Mit dem Besuch einer Aufführung in der Komischen Oper Berlin fand das Projekt am 17. April 2018 wieder einmal einen ganz besonderen Abschluss mit den beteiligten Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und den Seniorinnen und Senioren.

Wie nachhaltig sind die Projektwochen für die Schülerinnen und Schüler?

Brunhilde Focke: Das Projekt ist inzwischen Teil der Schulkultur und wird sehr intensiv vor- und nachbereitet. Jedes Kind hat zum Beispiel einen eigenen Opernordner, der es begleitet. In der Projektwoche selbst zeigen die Kinder Entwicklungssprünge, schlummernde Fähigkeiten treten hervor: „Ich kann auf der Bühne stehen. Ich kann singen. Ich traue mich, etwas zu sagen – und alle hören mir zu!“. Hier finden wichtige Impulse für den Deutschunterricht und die Sprachförderung statt. Nach der Präsentation erleben die Schüler eine besondere Wertschätzung, die ganze Arbeit wird gewürdigt: ‚Ich habe mich eine Woche lang angestrengt – und das wird auch gesehen.’ Sie haben etwas Außergewöhnliches erfolgreich abgeschlossen und sind darauf sehr stolz. Nach der Schulaufführung erhalten sie viel Beifall und als Dankeschön eine Rose. Die Urkunde, die zum Projektabschluss in der Komischen Oper überreicht wird, bekommt einen Ehrenplatz in den Zeugnismappen. Oft werden Schüler bei ihrer Bewerbung in den weiterführenden Schulen auf das Projekt angesprochen.

Wie kommt das Opernprojekt bei den Eltern ihrer Schüler an?

Brunhilde Focke: Das Projekt hat einen hohen Stellenwert bei den Eltern. Sie genießen es, in das Projekt einbezogen zu werden. Genau da liegt die Zielführung bei „Abenteuer Oper!“: Schüler, Eltern und Lehrer machen etwas gemeinsam. Der gemeinsame Opernbesuch zum Abschluss ist wirklich ein großes Erlebnis für alle, denn die Freizeit verbringen unsere Schüler fast ausschließlich im häuslichen Umfeld. Sie verlassen den Kiez sehr selten. Nahezu 98 Prozent aller Kinder haben einen Migrations-hintergrund, 93 Prozent aller Familien beziehen Transferleistungen. Auf dem Weg in die Bildung brauchen sie Unterstützung. Die muslimischen Eltern sind oft sehr musikalisch und voller Interesse. Wenn wir in der Schule unser Sommerfest feiern und Musik erklingt, gehen Mütter, Väter und Kinder auf die Bühne und tanzen. Ein Ausflug in die Komische Oper schafft da Zugänge, die sonst einfach nicht möglich wären.

Das Miteinander an Ihrer Schule ist für den Besucher sehr beeindruckend. Das Motto könnte lauten: ‚Hindernisse sind da, um überwunden zu werden.’ Wie lief die Projektwoche 2018?

Brunhilde Focke: Wir konnten uns über ein richtig gutes Ergebnis freuen – und dieses Erlebnis war für den Klassenverband ganz besonders wichtig. In diesem Jahr musste ein schwieriger Schüler, der neu in die Klasse kam, integriert werden. Das war eine Herausforderung. Immer wieder haben an unserer Schule Schüler mit ihrer Disziplin zu kämpfen. Doch am Ende der Projektwoche haben alle erlebt: Wir schaffen das zusammen, auch wenn der Weg steinig ist. Und wir haben ein schönes Ergebnis, wenn wir uns anstrengen. Gerade in der letzten Projektwoche ‚Abenteuer Oper!’ haben wir wieder viel Potenzial erkannt. An der Schule hat sich inzwischen ein Chor gegründet, weil so viele Kinder gemerkt haben, dass sie gern und gut singen.

Was halten sie von der Idee, das Projekt generationenübergreifend zu gestalten?

Brunhilde Focke: ‚Jung und alt’ – diese Beziehung ist auf jeden Fall ein guter Ansatz. Viele Schüler haben nur wenig Zugang zu älteren Menschen. Ihre eigenen Großeltern leben in der Türkei, sie sehen sie oftmals nur alle paar Jahre. Da ist die Begegnung mit den Senioren aus der Freizeitstätte Gitschiner Straße wichtig. Leider schränkt der enge Zeitrahmen das Miteinander ein bisschen ein. Für unsere Kinder wäre es überhaupt ideal, wenn man eine ganze Woche zum Üben hätte und zwei weitere Tage für die Aufführung. Dann wäre die Projektwoche weniger kompakt.

Stichwort Kulturelle Bildung. Wie fördert das Projekt „Abenteuer Oper!“ nachhaltig Ihre Schülerinnen und Schülern?

Brunhilde Focke: Die Kulturelle Bildung hat in diesem Projekt ganz viele unterschiedliche Facetten, die auf die Kinder wirken: Es fängt schon bei der Fahrt mit der U-Bahn zur Komischen Oper an. Beim Blick hinter die Kulissen können sich die Kinder in den täglichen Opernbetrieb einfühlen. Eine Erkenntnis: Dort arbeiten nicht nur Sängerinnen und Sänger, sondern viele Dutzend Berufsgruppen. Und: Da könnte man ja auch selbst arbeiten. Während der Aufführung in der Oper sind die türkischen Kinder fasziniert, dass die gesungenen Texte auf dem Display in der Bestuhlung auch ins Türkische übersetzt werden. Sie erleben: Meine Sprache, meine Kultur werden wertgeschätzt. Und später gehen sie vielleicht mit ihren eigenen Kindern auch in die Oper. Genau das sind die vielen kleinen Schritte in Richtung kulturelle Bildung, auf die wir an unserer Schule setzen. Kleine Schritte, um die Kinder zu inspirieren und zu integrieren.

Stiftung Berliner Leben: Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihr Engagement!