Gemeinsam Kunst gegen Straßengewalt

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Viele Jahre arbeitet die Künstlerin Sofia Camargo schon in Schöneberg und ist mit vielen Institutionen und deren Kindern vernetzt. In den vergangenen Monaten wurde sie zunehmend aufmerksam auf die sich wiederholende Gewalt, die sich auf den Spielplätzen und Straßen abspielt. Kinder werden von älteren Kindern verprügelt, der Akt der Gewalt verharmlost und normalisiert. Um zu zeigen, dass Gewalt kein Teil des Alltags sein muss, dass Kinder von Kinderrechten geschützt werden und auch die Schläger Hilfe und Unterstützung brauchen, geht die Künstlerin am 02.11.2021 mit den Kindern auf die Straße. Im Graffiti-Stil werden Themen der Gewalt ausgedrückt und in Wort und Bild auf die Straßen gemalt und gekritzelt. Das Ganze wird aufgezeichnet und gemeinsam mit Kindern aus dem Kiez in einem Dokumentarfilm präsentiert.

Projekteinblick

Eine Clique 12/13-jähriger Kinder kommt mit ihren Fahrrädern auf einen Spielplatz gefahren. Zwei der älteren Kinder schnappen sich einen kleinen Jungen, der bis eben auf dem Klettergerüst tobte. Sie halten ihn so fest, dass er sich nicht befreien kann. Ein Dritter aus der Clique stellt sich vor sie und schlägt den Festgehaltenen in den Bauch. Andere Kinder sowie auch Eltern werden Zeugen dieser gewaltvollen Szene, doch niemand greift ein.
Nicht nur weil die Enkelkinder der deutsch-brasilianischen Künstlerin Sofia Camargo den Schöneberger Spielplatz besuchen, auf dem diese Szene stattfand, fühlt sie sich verpflichtet etwas zu tun. Seit vielen Jahren ist sie tief verwurzelt in der Nachbarschaft des Katzlerkiezes und kennt viele der Kinder, Jugendlichen und Eltern aus Projekten oder von der Straße. Wiederholt wird ihr von diesen Akten der Gewalt, die von den Kindern als Mutprobe verstanden werden, berichtet. „Oft muss ich von den Kindern hören, dass Gewalt doch normal sei. Das darf so nicht sein.” erzählt die Künstlerin besorgt.
So wurde aus dem akuten und reellen Problem das Projekt „Straßenkunst gegen Gewalt”. In Kieztreffs, Kitas, Schulen und Spielplätzen wurden Poster und Flyer ausgehangen, die zu der gemeinsamen Aktion am 02.11.2021 einluden. Zusammen als Nachbarschaft mit Kreide und Graffitikreide bunte Zeichen gegen Gewalt zu setzen, war die Idee. Dabei lag den beteiligten InitiatorInnen besonders am Herzen, auch die Kinder erreichen und zum Mitmachen animieren zu können, die selbst Gewalt auf andere ausüben. Denn aus den Reflektionen im Rahmen des Projekts ergab sich schnell, dass Täter oftmals auch selber Opfer von Gewalterfahrungen im familiären oder schulischen Bereich sind.
Die Aktion startete damit, grundlegende Kinderrechte auf Mauern und Sitzsteine des weißen Spielplatzes an der Bautzener Straße zu schreiben. Denn jedes Kind ist in Deutschland rechtlich gegen Gewalt geschützt. Auch die Wege und Straßen, die zum Spielplatz führen, wurden mit Texten und Bildern versehen, die zum gewaltfreien und toleranten Miteinander aufriefen. Passanten wurden schnell auf die Botschaft aufmerksam, machten Fotos und stellten Fragen. Auch Kinder mit ihren Eltern wurden neugierig und immer mehr Nachbarn nahmen Teil an der Aktion. Jedes Kind hatte eigene Assoziationen mit dem Thema, so dass zunehmend unterschiedliche und bunte Motive die Straßen des Katzlerkiezes schmückten. Sogar einige Jugendliche gesellten sich zu der Gruppe und berichteten von ihren Erfahrungen mit Straßengewalt. Sogar Interviews gaben die jungen Menschen, deren Geschichten stellvertretend für ein schwerwiegendes sozial-gesellschaftliches Problem stehen.
Um mit der Initiative auch weitreichendere Effekte zu bewirken, war der italienisch-brasilianische Caio de Siervi Barcellos als Kameramann im Einsatz. Zusammen mit Sofia und Anand Camargo sowie betroffenen Kindern werden die Aufnahmen zu einem kurzen Dokumentarfilm weiterverarbeitet. Dieser wird sobald er fertig ist auf unserer Website hochgeladen und als informative Quelle dienen, um dem Thema einen Raum zu geben. Er ist gleichzeitig ein Appell an Kinder und Familien mit Missbrauchserfahrungen. Denn andere zu schlagen und selbst geschlagen zu werden, ob zuhause oder auf der Straße, darf nicht als „normal“ gelten. Es ist verboten, es muss aufmerksam darauf reagiert werden und Gewalt kann mit Hilfe eines fürsorglichen Netzwerks und entsprechender Bildung aufgefangen, verarbeitet und hinter sich gelassen werden.